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Rede des Bundespräsidenten an der Sichuan Universität

07.12.2018 - Artikel

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
beim Besuch der Sichuan-Universität
am 7. Dezember 2018
in Chengdu/China


Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung! Ich darf Ihnen versichern: für mich ist es eine besondere Ehre, heute an dieser traditionsreichen und renommierten Universität zu Ihnen zu sprechen.

Ich freue mich, dieses Jahr wieder in Chengdu zu sein. Nicht zum ersten Mal: 2008 war ich zum letzten Mal hier, unter ganz anderen Umständen. Es war die Zeit nach dem schrecklichen Erdbeben. Zehntausende Menschen sind damals ums Leben gekommen, Hunderttausende wurden verletzt. Für Millionen von Menschen war das Beben ein tiefer Einschnitt. Ich selbst habe die Begegnungen und Erlebnisse von damals bis heute nicht vergessen.

Heute, zehn Jahre später, sehe ich voller Bewunderung, wie wunderbar Sichuan wieder aufgeblüht ist. Chengdu hat sich in diesen zehn Jahren atemberaubend entwickelt. Und morgen werde ich nach Dujiangyan fahren und eine wiederaufgebaute Schule besuchen.

Ich bewundere den Willen, mit dem diese Stadt und die ganze Region die Katastrophe überwunden und sich der Zukunft zugewandt hat.

Schon bei meinen früheren Besuchen habe ich Sichuan als eine Gegend erlebt, wo man viel voneinander lernen kann! Wichtige Kulturtechniken sind bei Ihnen entstanden: von der Kunst des Druckens über die Erfindung des Pinsels bis hin zur künstlichen Bewässerung, die hier perfektioniert wurde.

Und umgekehrt hat Ihre Region eine wichtige Rolle gespielt, wenn es darum ging, neue Ideen von außen nach China hinein zu tragen und fruchtbar zu machen. Das erkennt man bis heute am kulturellen Reichtum und an der Vielfalt von Sichuan – von der traumhaften Küche ganz zu schweigen. Gerade in diesem Jahr, in dem Ihr Land an vier Jahrzehnte der Öffnung erinnert, bin ich froh, zurück in dieser Stadt zu sein. Denn: Chengdu war schon immer ein Tor für die Außenwelt, stand für Neugier auf anderes – auch auf fremdes Denken.

Und, wenn ich das so sagen darf: Chengdu war auch mein eigenes, ganz persönliches Tor nach China! Fast zwanzig Jahre ist das her, während meiner ersten großen China-Reise.

Seitdem habe ich Ihr Land viele Male besucht, auf der ganzen Welt mit Chinesinnen und Chinesen gesprochen, Ihre Kultur besser kennengelernt – und nie aufgehört zu lernen – von und über dieses großartige Land!

Auf dieser heutigen Reise komme ich also wieder in Ihre Stadt – übrigens ebenso nach Peking und Kanton, die gleichen Stationen wie damals, bei meinem ersten China-Besuch. Es ist kein Zufall, dass dieser Besuch jetzt meine bislang längste Auslandsreise als Bundespräsident ist. In ihm spiegelt sich die besondere Intensität der chinesisch-deutschen Beziehungen ebenso wie ihre Vielschichtigkeit.

Es ist nicht möglich, das komplexe Verhältnis unserer beiden Länder in eine Schublade zu stecken. Leider wird es in der Welt wieder üblich, die Beziehungen zwischen Staaten und Völkern nur in schwarz oder weiß zu malen. Aber es passt nicht auf das, was sich über die Jahrzehnte zwischen China und Deutschland entwickelt hat. Tausende Deutsche und Chinesen reisen inzwischen jeden Monat ins jeweils andere Land. Chinesen bilden die größte Gruppe unter den ausländischen Studierenden in Deutschland – und heute hier im Saal sehe ich so einige deutsche Studenten, die nach China gegangen sind! Viele unserer Unternehmen sind Partner, viele auch harte Wettbewerber. China und Deutschland haben beide von der offenen internationalen Ordnung profitiert, die für beide den Aufstieg zu Wohlstand und Sicherheit erst ermöglicht hat. In vielen Zukunftsfragen haben wir ähnliche Interessen und arbeiten zusammen, etwa gegen den Klimawandel und seine Folgen. Unsere beiden Länder sind so eng verbunden wie nie.

Gerade die wachsende Verflechtung lässt aber auch Verschiedenheiten hervortreten. Beim Blick auf die Verfasstheit unserer Gesellschaften und die Rolle des Individuums erkennen wir zum Teil auch deutliche Gegensätze. Der Umgang mit dieser Komplexität, dieser Spannung verlangt von beiden Seiten besondere Sorgfalt. Je öfter ich nach China komme, desto mehr werde ich mir der Vielschichtigkeit unserer Beziehungen bewusst – und der Notwendigkeit, mit ihr so offen und konstruktiv wie möglich umzugehen. Von alldem möchte ich heute sprechen: von meinen Lernerfahrungen und meinen Fragen, von meiner eigenen, langen Reise nach China.

Der große chinesische Philosoph Laotse hat geschrieben: Auch „eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt“. Zwischen China und Deutschland liegen sogar deutlich mehr als tausend Meilen. Damals, vor vielen Jahren, als ich meinen ersten Schritt ging, war Ihr Land für mich noch eine fast unbekannte Welt. Vielen Deutschen ging es ähnlich – China schien weit entfernt, viel weiter noch als ein Fußweg von tausend Meilen. Ich habe neulich mal meinen guten, alten Weltatlas aus dem Regal gekramt. Stellen Sie sich ein wuchtiges Buch vor, erschienen in den 1990iger Jahren, , mit reichlich Kartenmaterial der ganzen Welt: darin Einzelkarten von USA und Russland natürlich, Europa und viele seiner Staaten, auch Indien, Australien und Kanada mit eigenen Seiten. Sogar die Arktis und die Antarktis in ihrer ganzen, kalten Pracht. Nur eine Seite mit China „auf einen Blick“, die sucht man vergeblich.

Heute ist das völlig anders.  China ist, wenn man das kurz fassen will, vom Rand in das Zentrum des weltpolitischen Interesses gerückt – und die Triebfeder dieser Veränderung war vor allem die Wirtschaft. Als ich das erste Mal nach China kam, lag der Beschluss zur Öffnung des Landes 25 Jahre zurück. China war damals schon größter Handelspartner Deutschlands in Asien. Heute ist China weltweit unser größter Handelspartner. Und Deutschland ist Chinas größter Handelspartner in Europa. Unsere Volkswirtschaften sind aufs Engste miteinander verwoben – eigentlich noch mehr: die chinesische und deutsche Volkswirtschaft sind inzwischen aufeinander angewiesen.

Daher sehen wir Deutschen auch ganz unmittelbar, was China in den vier Jahrzehnten seit der Öffnung geleistet hat. Ihr Sichuaner Landsmann, Deng Xiaoping, hat das Land damals mit Kühnheit und Weitsicht auf den Reformpfad gebracht. „Ich bin wie ein uigurisches Mädchen, das viele Zöpfe trägt“, soll er einmal gesagt haben und meinte damit wohl, dass es sich auch bei aller Kritik und in schwierigsten Situationen lohnt, mutig zu bleiben und um pragmatische Lösungen zu ringen. Seitdem ist es Ihrem Land mit genau diesem Pragmatismus, mit Fleiß und Ehrgeiz gelungen, viele hundert Millionen Menschen aus der Armut zu befreien. Viele Chinesen genießen heute Wohlstand und Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Bildung. Allein in den Jahren seit meinem ersten Besuch ist die chinesische Wirtschaft nominal um mehr als das Siebenfache gewachsen! Davon haben vor allem Sie selbst profitiert. Aber: Das historisch beispiellose Wachstum Chinas hat auch zu deutschem Wohlstand beigetragen.

Der Weg unserer Verflechtung war nicht immer gradlinig, und auch nicht konfliktfrei. Auf den internationalen Märkten sind wir immer wieder auch Konkurrenten, gerade im Bereich der Hochtechnologie. Das stellt deutsche Unternehmen und Arbeitnehmer manchmal auf eine harte Probe. Vor einigen Jahren mussten in der Region, die ich als Abgeordneter damals im Parlament vertreten habe, im Osten Deutschlands, binnen kurzer Zeit gleich zwei große Solartechnikbetriebe schließen – weil sie der chinesischen Konkurrenz nicht länger standhalten konnten. Deutsche Hochtechnologieunternehmen werden heute manchmal zu Preisen aufgekauft, die kein deutsches Unternehmen zu zahlen bereit wäre. Und manche Vorstände deutscher Firmen stören sich nicht selten an schwierigen Marktzugang in China, , finden Bedingungen vor, wie wir sie in Deutschland für ausländische Marktteilnehmer nicht haben. Hinter alldem stecken schwierige, aber wichtige Fragen wechselseitiger Fairness.  Ich bin überzeugt: Nur wer miteinander spricht, kann Antworten finden, die beiden Seiten gerecht werden. Deshalb ist es gut, dass unsere Länder ihre starken wirtschaftlichen Verbindungen auch politisch und gesellschaftlich intensiv begleiten. Wir haben inzwischen mehr als achtzig regelmäßige Dialogformate zwischen unseren Regierungen, weit über tausend Kooperationen zwischen unseren Hochschulen und einen intensiven Austausch von Nichtregierungsorganisationen.

Besonders hervorheben möchte ich den deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog, den wir vor gut zwanzig Jahren ins Leben gerufen haben. Dieser Dialog ist nicht einfach, aber ich weiß aus vielen Begegnungen, dass beide Seiten ihn wertschätzen. Rechtsstaatlichkeit ist ein Wort, in dem für uns Deutsche vieles steckt: die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit staatlichen Handelns, das Vertrauen der Gesellschaft in die Regeln des Zusammenlebens, und letztlich unsere eigene historische Erfahrung mit Willkür und Unrechtsherrschaft.  Und wir sehen auch: Je vielfältiger sich Gesellschaft und private Wirtschaft in China entwickeln, umso größer wird das Bedürfnis nach Rechtssicherheit und rechtsstaatlichen Verfahren, die frei bleiben von willkürlicher Beeinflussung von außen. Auch hier kommen wir möglicherweise aus unterschiedlichen Welten und sehen viele Dinge noch unterschiedlich. Dennoch gehört dieser Rechtsstaatsdialog zu den fruchtbarsten Formen des Austauschs, die uns gelungen sind.

Auch wenn ich schon oft hier war, so geht es mir doch bei jedem neuen Besuch wie so vielen meiner Landsleute. Wer als Deutscher nach China kommt und aus dem Fenster schaut, der ist zunächst einmal mit dem eigenen Staunen beschäftigt. Wir sehen, wie ganze Städte scheinbar aus dem Nichts erwachsen, wie Eisenbahnlinien in ungeahnter Geschwindigkeit und Länge gebaut werden, wie Autobahnen und Flughäfen auch tief in der Provinz entstehen, wie ein riesiges Land mit modernster Infrastruktur versorgt wird. Ich kann Ihnen versichern: Wir Deutsche verfolgen all das mit enormem Respekt!

Und manchmal, auch das ist wahr, überkommt die Deutschen dabei ein etwas mulmiges Gefühl. Was hier geschieht, verändert nicht nur China, es verändert die ganze Welt. China verändert die Welt, in der wir groß geworden sind – und das mit ungeheurer Geschwindigkeit! Deshalb kann man vielleicht verstehen, dass sich in die Bewunderung auch ein wenig Sorge mischt. Diese Sorge drückt sich in einer Frage aus, die ich in Deutschland schon oft gehört habe: „Wohin mag das alles führen?“

Wohin mag das alles führen? Die Antwort auf diese Frage kennt niemand, auch ich nicht. Und ich vermute: Auch in China weiß kaum jemand, wohin uns die Dynamik führt, die in der Vergangenheit mehr von Europa und dem Westen, heute verstärkt von China angestoßen  und befördert wird.

Aber so viel ist klar: Wenn wir Deutschen über den Weg nachdenken, den China vor sich hat, dann sollten wir zuallererst einmal den Weg verstehen, der hinter diesem China liegt.

Und manchmal stoßen wir dabei sogar wieder auf uns selbst. Denn die Frage „Wohin mag das alles führen?“, die stellen sich ja nicht nur wir heute, sondern die haben sich auch die Menschen hier in China gestellt, oft genug mit dem Blick nach Westen. Zum Beispiel vor hundert Jahren, auch einer Phase des großen Umbruchs. In Europa denken wir in diesen Tagen oft an diese Zeit. Gerade erst im November habe ich gemeinsam mit unseren britischen und französischen Freunden an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert – und in Berlin kam dann an die Ausrufung der ersten deutschen Republik, die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der ersten Demokratie in Deutschland.

Damals, vor hundert Jahren, haben vermutlich Ihre Vorfahren mit Blick nach Europa gefragt: „Wohin mag das alles führen?“ In der „Bewegung des Vierten Mai“, der ersten großen politischen Massenbewegung in China, wollten die Menschen an den Universitäten und auf den Straßen von den Fehlern der westlichen Großmächte lernen, um sie nicht zu wiederholen: weg vom übersteigerten Nationalismus, der in den großen Krieg geführt hatte, und hin zu einer Öffnung Chinas, zu einer kosmopolitischen Grundhaltung. Chinesische Denker und Entscheider haben damals den Schluss gezogen, dass ein Aufstieg mit Säbelrasseln und nationalem Egoismus nicht nachhaltig sein kann. Ich finde, diese Lehre ist heute für die ganze Welt nicht weniger aktuell als damals.

Der große Ba Jin, der ebenfalls aus Chengdu stammt, hat jene brisante Zeit vor hundert Jahren in seinem wunderbaren Roman „Die Familie“ beschrieben: den Konflikt zwischen Modernisten und Traditionalisten, den Aufbruch in eine erste Periode intellektueller Globalisierung.

Ich sage Ihnen ehrlich: Nicht nur an diesem Beispiel, sondern bei jedem Besuch beeindruckt mich die Neugier, der Lerneifer, der Wissensdurst hier in China. Und ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen in Deutschland sich noch intensiver mit China befassen: mit seiner Geschichte, Kultur und Sprache. Nur wer die Vielfalt des anderen kennt, kann in seinem Urteil nicht einseitig und einfältig sein!

Aus eigener Erfahrung füge ich hinzu: Meine Sicht auf China hat sich bei jedem Gespräch, jeder Lektüre, jeder Reise immer wieder verändert und erweitert. Ich habe gelernt, dass unsere Erwartungen an den jeweils anderen ständig eines besseren oder eines anderen belehrt werden. Umso wichtiger finde ich das gegenseitige Verstehen-Wollen. Das Verstehen-Wollen gerade auch der Gründe, warum sich der andere vielleicht nicht den eigenen Erwartungen konform verhält. Warum China und Deutschland sich bei aller wachsenden Verwobenheit in manchen Dingen auch fremd geblieben sind.

Wir haben in Deutschland lange Zeit erwartet, dass China uns im Westen immer ähnlicher wird auf seinem Weg zu Wohlstand, Marktwirtschaft und gesellschaftlicher und internationaler Öffnung. Dass der chinesische Pfad eines Tages auf unseren Weg einmündet, den wir für historisch so zwingend vorgezeichnet hielten: den der liberalen Demokratie. Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt.

Denn trotz aller Verflechtung, trotz aller Zusammenarbeit und trotz der Bindung an dieselbe internationale Ordnung sind wir historisch unterschiedlich geprägt und haben – nach wie vor -  sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie wir als Gesellschaften leben wollen. Vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte, die im letzten Jahrhunder so viel Leid über unsere Nachbarn und am Ende auch über unser eigenes Land gebracht hat, steht in Deutschland die Würde des Menschen ganz am Anfang, im Artikel 1 unserer Verfassung. Wenn wir auf Chinas wirtschaftlichen Aufstieg blicken, dann tun wir das mit Respekt und Bewunderung. Gerade wir Deutschen, die unser Land nach 1945 aus Trümmern neu aufbauen mussten, können ermessen, was für Anstrengungen in China notwendig waren, um Millionen und Abermillionen Menschen in bitterster Armut eine Perspektive zu geben. Niemand hat das Recht, diese Leistung geringzuschätzen. Wenn das für hunderte Millionen gelingt, ist das viel, unendlich viel. Die Frage ist dennoch: Reicht das? Oder besser gefragt: Sind damit die Erwartungen der Menschen, die uns anvertraut sind, erfüllt? 

Unsere eigene Geschichte erzählt uns, dass das Bedürfnis der Menschen – in langer Sicht - nicht allein auf materielle Güter ausgerichtet ist. Unsere deutsche Geschichte war lange Jahre geprägt von Unfreiheit und Unterdrückung. Das macht uns vielleicht besonders sensibel und aufmerksam für das, was mit jenen geschieht, die nicht der herrschenden Meinung sind, die einer Minderheit angehören oder ihre Religion ausüben wollen, die gewaltlos und friedlich für ihre Ideen und Gedanken werben. Deshalb sind wir besorgt und beunruhigt, wo immer persönliche Freiheiten eingeschränkt werden.

Ich ahne, dass das hier in China bisweilen als belehrend oder einmischend empfunden wird. Ich will aber dafür werben, dass hinter unseren Haltungen eine Erfahrung steht, die nicht nur Deutschland tief geprägt hat. Denn die Lehren aus zwei Weltkriegen und aus den beispiellosen, im Namen meines Landes verübten Verbrechen, die haben wir doch am Ende alle miteinander gemeinsam gezogen: Gewaltverzicht statt Recht des Stärkeren, Regeln statt Willkür, Zusammenarbeit statt Konfrontation, und die Würde und Gleichheit des Einzelnen als unveräußerliches Recht – das sind die Grundsätze des Zusammenlebens auf unserer Welt! Und diese Welt, in der wir gemeinsam leben, friedlich und lebenswert zu erhalten, das bleibt – bei allen Unterschieden – unsere gemeinsame Verantwortung. Und dafür wollen wir gemeinsam mit Ihnen arbeiten!

Mein letzter Besuch in China war vor zwei Jahren. Auch damals habe ich, wie immer, Neues gelernt: nämlich, dass in China wieder mehr Marx gelesen wird! Dieses Jahr erinnern wir an seinen 200. Geburtstag. Und die Stadt Trier, sein Geburtsort, bekam aus diesem Anlass sogar eine goldene Statue ihres berühmten Sohnes von der Volksrepublik China geschenkt.

Mir scheint in diesem Jubiläumsjahr: Deutsche und Chinesen können nicht nur auf aktuelle Fragen, sondern auch auf dieselben historischen und intellektuellen Bezugspunkte durchaus unterschiedliche Perspektiven haben. Karl Marx war ohne Zweifel ein großer deutscher Denker: ein wirkmächtiger Philosoph und Ökonom, Historiker und Soziologe, vielleicht ein weniger erfolgreicher Pädagoge und Arbeiterführer.

Aber, auch das ist wahr: Marx war immer ein leidenschaftlicher Humanist. Er forderte die Pressefreiheit, humane Arbeitsbedingungen, Bildung für alle, politische Rechte für Frauen, sogar damals schon: den Schutz der Umwelt. Seine Leidenschaft entstammte seinem Mitgefühl, seinem Sinn für die Würde und Freiheit der Entrechteten.

Wahr ist aber auch: Marx ist nicht Theorie geblieben, der Marxismus hat nicht nur Buchregale gefüllt und Universitätsseminare beschäftigt. Wir Deutsche können über Marx nicht sprechen, ohne zugleich an das Unheil zu denken, das im Namen des Marxismus im Osten unseres Landes und Europas angerichtet wurde. An die bleierne Zeit von mehr als vierzig Jahren Eisernem Vorhang – als der Marxismus alles galt und das Individuum nichts. An den Zynismus, mit dem Familien zerrissen wurden, Nachbarn gegeneinander in Stellung gebracht, Bürger hinter Mauern eingesperrt und Flüchtende ermordet. Die Erfahrungen mit dem ostdeutschen Überwachungsstaat, auch sie haben unser Denken geprägt über menschliche Würde, über Freiheit, Privatsphäre und Autonomie.

Diese Prägungen wirken fort bis in die heutige Zeit. Deshalb sind wir Deutsche vielleicht vorsichtiger als andere, wenn es um Freiheit und Autonomie in der digitalen Welt geht. Wir sehen die riesigen Chancen der Digitalisierung für die Zukunft. Und wir wollen und wir werden teihaben an der Entwicklung der Technologie. Aber wir ringen eben auch mit der Frage, wie eine Ethik der Digitalisierung aussehen kann, gerade wenn es um private Daten und Überwachung geht. Natürlich waren „Big Data“, „Artifical Intelligence“ oder „Social Media“ für Karl Marx keine Begriffe. Umso erstaunlicher, dass manche Marxsche Frage sich heute drängender stellt denn je: Entfremdung oder Befreiung? Mehr Überwachung und Kontrolle? Mehr Macht für wenige oder mehr Chancengleichheit dank digitaler, frei zugänglicher Ideen rund um die Welt?

Wir in Europa brauchen eigene, überzeugende Antworten auf diese Fragen. Unsere Richtung ist aus meiner Sicht die folgende: Wir wollen Antworten für mehr Selbstbestimmung und weniger Entfremdung, für mehr Teilhabe und weniger Ungleichheit. Antworten, die die Privatsphäre des Einzelnen höher bewerten als das wirtschaftliche Interesse von Unternehmen mit datenbasierten Werbe- und Geschäftsmodellen. Antworten, die unseren Bürgerinnen und Bürgern die Kontrolle über ihre eigenen Daten erhalten. Und Antworten schließlich, die die Befugnisse des Staates im digitalen Raum eng begrenzen, seine Aufgaben und legitimen Sicherheitsinteressen immer auf klare Rechtsgrundlagen abstellen und dem Einzelnen weiterhin Freiheit, Privatheit und Selbstbestimmung ermöglichen – geschützt auch in Zukunft durch unabhängige Gerichte. All das sollten Eckpfeiler einer Ethik der Digitalisierung sein!

So viel kann ich für Deutschland und Europa sagen. Die Europäische Union wird auch in Zukunft auf dieser Linie den rechtlichen Rahmen für Datenerhebung und Datenverwertung  gestalten und durchsetzen  – und sie wird von allen, die mit Europa und seinen mehr als 500 Millionen Bürgern handeln wollen, erwarten, dieses Recht zu achten. Zugleich weiß ich aber, dass diese Fragen heute in China vielfach ganz anders beantwortet werden. Gerade deshalb will ich darüber auf dieser Reise das Gespräch suchen. Erste Zusammentreffen mit Experten aus China hatte ich bereits. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich will weiter lernen und verstehen – auch wenn ich am Ende nicht mit allem einverstanden sein sollte, was ich sehe.

Die Gestaltung der Regeln für das digitale Zeitalter ist nur ein Beispiel von vielen existenziellen Fragen, die wir zu beantworten haben. Dazu zählt der gentechnische Eingriff in die menschliche Keimbahn, der in diesen Tagen Thema der Debatte in China und der Welt ist. Eine notwendige Debatte! Ich freue mich, dass sie auch hier offen gefuehrt wird.

Die Welt um uns herum verändert sich, neue Möglichkeiten tun sich auf und alte Gewissheiten geraten in Zweifel. Oft wissen wir noch nicht einmal genau, was uns hinter der nächsten Wegbiegung erwartet. Um unter diesen Umständen überhaupt navigieren zu können, brauchen wir doch vor allen Dingen eines: eine Vergewisserung über unseren eigenen Standpunkt und unsere Rolle in der Welt. Auch bereits vor hundert Jahren war es für einige chinesische Intellektuelle, etwa für Hu Shi, den Kulturreformer und Philosophen, die zentrale Frage:

„Was bedeutet es, in der Welt zu sein?“

Was bedeutet es, in der Welt zu sein? Darüber denkt jedes Land zuallererst anhand seiner eigenen historischen Prägungen nach: anhand seiner Erfolge, ja, aber auch anhand seiner Irrwege. Eine zentrale Lehre des „Vierten Mai“, der Umwälzungen vor hundert Jahren, kann sein, das Umfeld unserer Länder, die Nachbarschaft,  mitzudenken – nicht nur im Sinne von Konkurrenz und Hierarchie, sondern im Sinne der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft. Wir Deutsche haben im 20. Jahrhundert für uns gelernt, die Interessen und Wahrnehmungen unserer Nachbarn in die Definition unserer nationalen Interessen aufzunehmen. Das eine ist nicht mehr ohne das andere bestimmbar. Das ist, was europäische Integration erst ermöglicht hat – und was sie für uns bis heute so wertvoll macht.

Wer sich in Deutschland oder China ernsthaft mit der Geschichte des jeweils anderen beschäftigt, der sieht schnell, dass der Pfad in die Zukunft für unsere beiden Länder sehr selten allein in unserer eigenen Hand lag – und dass er niemals vorgezeichnet war!

Ich bin sicher: Er ist es auch heute nicht. Die Zukunft ist offen, vielleicht offener denn je.

Deshalb kann es uns im Austausch miteinander auch nicht in erster Linie ums Rechthaben gehen. Es geht auch nicht um Abgrenzung, Ausgrenzung und Schubladendenken nach dem Motto: So seid Ihr – so sind wir. Sondern erst im Vermessen unserer Unterschiede, in der Auseinandersetzung miteinander schärfen wir unseren eigenen Standpunkt – und erschließen auch neuen, gemeinsamen Grund.

Unsere Wege verlaufen weder parallel noch über Kreuz. Sie sind nicht vorgezeichnet, sondern wir, in einigen Jahren Sie, die Jüngeren, bahnen sie erst selbst. Und wir bahnen sie in einem Spannungsfeld: China ist für Deutschland ein Partner, ein Wettbewerber und ein Kontrahent zugleich. Ich glaube: Selbst in dieser Spannung zwischen uns kann der Dialog, die Kontroverse höchst  produktiv sein.

Bei allen Umbrüchen und Spannungen, die die Welt dieser Tage prägen, ist doch umso erstaunlicher, umso kostbarer, dass es ein Fundament gibt, das wir in der Vergangenheit gemeinsam vereinbart haben.

In wenigen Tagen erinnern wir an einen Meilenstein, einen Glücksfall der Geschichte: die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor genau siebzig Jahren. Zwei verheerende Weltkriege und Millionen Tote hat es gefordert, bevor sich die Staaten der Welt auf dieses gemeinsame Fundament, auf das Recht der Völker versammelt haben. Was auf diesem Fundament gewachsen ist, das multilaterale System, die Charta und Institutionen der Vereinten Nationen, Vereinbarungen und Regelwerke vom Handel bis zum Klimaschutz – all das war nie perfekt, nie für alle gleichermaßen da, nie ein Allheilmittel. Aber in all seiner Unvollkommenheit ist es dennoch eine unendlich wertvolle Errungenschaft.

Ich rate dringend: Wir dürfen das gemeinsam Vereinbarte weder schwächen noch aufgeben! Wir leben in einer Zeit der Verflechtung, der gegenseitigen Abhängigkeit. Wir brauchen dieses gemeinsame Fundament dringender denn je – auch weil ich fürchte, dass solch ein Werk uns heute nicht nochmal gelingen würde!

Kang Youwei, der große Reformer und Philosoph, hat, ebenfalls vor hundert Jahren, die Utopie einer „großen Gemeinschaft“ beschrieben, die die Grenzen von Nation, Rasse, Geschlecht und Hierarchie überwindet. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft ist also kein westlicher oder östlicher, kein europäischer oder asiatischer, kein deutscher oder chinesischer Gedanke – sondern ein menschlicher! Vor siebzig Jahren ist es gelungen, dieser Hoffnung ein reales Fundament zu geben: ein Fundament aus gemeinsamer Sprache, gegenseitigen Erwartungen, verbindlichen Regeln, verbrieften Rechten. Welch eine Errungenschaft! Gerade wenn von einflussreichen Mitbegründern dieser Ordnung Zweifel gesät und Distanz gesucht wird, dann müssen wir – Deutschland und China – umso mehr für die Erhaltung dieser Ordnung eintreten, vom Handel bis zum Klimaschutz und darüber hinaus.

Deshalb ist mein Rat an Sie, liebe Studierende: Nutzen Sie das, wofür Generationen gekämpft haben – eine globale Ordnung, die Frieden und Zusammenarbeit erst möglich macht! Die Zukunft, die vor Ihnen liegt, wird kein Einzelner, kein Volk, keine Nation für sich allein gewinnen. Die Zukunft wird nicht im Kampf Jeder gegen Jeden liegen. Bauen Sie Ihre Zukunft auf das gemeinsame Fundament, das vor siebzig Jahren gemeinsam gegossen wurde. Es ist ein gutes Fundament!

Vielen Dank.

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