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Ein Kaffee mit.. Martin Breuer

Martin Breuer ganz entspannt im Berlin Haus

Martin Breuer ganz entspannt im Berlin Haus, © Markus Heitsch

14.06.2019 - Artikel

Für unsere Rubrik „Ein Kaffee mit..“ treffen wir uns mit Personen aus dem Amtsbezirk und reden über ihr Leben oder Erfahrungen in der deutsch-chinesischen Kultur- oder Wirtschaftswelt. In der dritten Ausgabe haben wir uns im Berlin Haus mit Martin Breuer unterhalten. Mit ihm konnten wir uns nicht nur über Kunst, sondern auch über Kryptowährungen und den diesbezüglichen Unterschieden zwischen China und Deutschland, austauschen. Zusätzlich hat er noch einen Hinweis für Künstler, die selbst in China arbeiten wollen und wieso Chengdu dafür ein guter Standort ist.

Wer mehr über die Person Martin Breuer erfahren möchte, findet Informationen und Werke auf seiner Website. Die vorherige Ausgabe von „Ein Kaffee mit..“ mit Fabian Hammerl finden Sie hier.


GK Chengdu: Du bist in Bonn geboren, hast an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und waren Schüler von Jörg Immendorff. Wie hat Dich Deine formelle Ausbildung mit China zusammengebracht? Gibt es Eindrücke, die Dir in China wieder begegnet sind?

Martin Breuer: Tatsächlich bin ich während meiner Studienzeit schon nach China gekommen. Das war teilweise inspiriert durch meinen Professor Immendorff. Schon damals hatte er Kontakte nach China und eine Gastprofessur. Irgendwann sagte ich ihm, dass ich lieber in China arbeiten möchte, weil  es mich mehr stimuliert. Immendorff hat mich bestärkt und gesagt, ich kann für ein halbes Jahr nach China. Das war mein Ansatz. Während meines Studiums habe ich ein paar Scheine in asiatischer Kunst gemacht und in diesem Kontext bin ich von 2005 bis zum Master in 2008 immer wieder nach China gereist. Wir hatten auch viele chinesische Studierende, die bei uns an der Kunstakademie, mit denen habe ich mich, dann auch vor Ort vernetzen können

GK Chengdu: Welche Gedanken stehen hinter Deinem künstlerischen Schaffen?

Martin Breuer: Ich habe schnell die Polarität zwischen asiatischer und westlicher Kunstphilosophie und Geschichte verstanden und versucht, sie zu dokumentieren. China war für mich ein Gegenpunkt zu westlichem Kapitalismus, entstanden aus einer Stimmung, die ich erleben, erfahren wollte. Es ist für mich unumgänglich, dass es in meinen künstlerischen Prozess einfließt. Ein direkter Einfluss war, dass meine Bilder größer geworden sind. Das lag daran, dass hier viele alte Gebäude leer standen, ich also riesige Ateliers anmieten konnte. Etwas nicht Chinaspezifisches war, dass ich mich in eine Umgebung begeben habe, in der Sprache, Kultur und Umgangsformen anders waren. Das hatte ebenfalls einen direkten Einfluss auf das künstlerische Schaffen, denn man lebt in den Tag hinein und schafft aus dem Nichts. Es geht darum, Kultur zu schaffen und man kann alle Werkzeuge benutzen, für mich sind Begegnungen und Plattformen für Begegnungen ebenfalls Werkzeuge. Geht man auf die soziale Plastik zurück, weiß man, dass jeder theoretisch ein Künstler ist und alles, was wir tun künstlerischen Wert hat. Kunst ist die Dokumentation und Vorantreibung von Kultur und Kultur ist das, mit dem wir unser Leben definieren und das, für was es zeitgenössisch steht.

GK Chengdu: Gab es Dich prägende Einflüsse der Zeit in China, sticht einer heraus?

Martin Breuer: Es ist eine Entwicklung, die ich auf 10 Jahre sehe, auch wenn ich zurück nach Deutschland gehe. Die Geschwindigkeit von Entwicklung ist hier offensichtlicher und man lernt dadurch, neue Perspektiven  anzunehmen und sich nicht an alten Zuständen festzuhalten. Hier sind viele Sachen im Wandel. Die Orte, die ich vor 10 Jahren kannte, sind schon lange weg und die Neuen werden bald renoviert. In Deutschland sind die Sachen noch am selben Ort, so wie sie waren. Ob das eine Veränderung oder was für eine Veränderung das in mir hervorrief, ist schwierig zu sagen. Es zeigte mir aber, dass meine eigene Welt sehr stark von meiner Umwelt abhängig ist und dass das Festhalten an Positionen hinderlich sein kann. Viele Dinge definieren sich im Wandel und weniger dadurch, dass man an einer Definition festhält.

GK Chengdu: Ein Beispiel für den schnellen Wandel sind auch Technologien, zum Beispiel Blockchain oder Kryptowährungen wie Bitcoins. In der Szene bist Du schon länger, auch professionell aktiv, zu dem Thema gibt es auch Veranstaltungen im Berlin Haus, wie ist das eigentlich in China?

Martin Breuer: Die Geschichte von Bitcoins in China ist interessant. Die meisten Bitcoins wurden und werden in China gemined, da es billiger ist. Dadurch haben Leute angefangen, viele Bitcoins zu produzieren und anzuhäufen. Es wurde zum Phänomen unterm Radar, damit zu bezahlen ist nicht erlaubt. Es gibt viele Projekte und an Universitäten werden Kurse angeboten. Generell ist China ein großer Player in Cryptocurrencies. Im Berlin Haus haben wir angefangen, die ersten Lehrveranstaltungen zu organisieren. Das Publikum ist weltoffen und es kommen Leute aus China und dem Ausland. Wir sind ein bisschen versteckt, Leute kommen also, weil Sie wissen, dass es existiert. Daher kommen Leute aus der Digital-Nomad-Szene, Start-Up-Szene und die, für die das interessant ist. Ich bin sehr parteiisch, aber in ein paar Jahren, wird alles über Blockchain laufen, da es viel effizienter ist.

GK Chengdu: Man sagt allgemein, dass Chinas Gesellschaft offener für neue Technologien ist als Deutschland, wie siehst Du das aus Ihrem Blickwinkel?

Martin Breuer: Ich sehe das so: in China werden Sachen schneller wahrgenommen und umgesetzt. Das hat wieder was mit Geschwindigkeit zu tun. Hier werden Sachen angepackt und geschaut, wie man sie verwerten kann. China ist schon eine sehr bargeldlose Gesellschaft; ich habe schon lange kein Papiergeld mehr. Wir machen hier alles mit WeChat, das Vorgehen ist genau gleich, wie mit Kryptowährungen. Also das Denken ist schon da und in WeChat selbst gibt es viele Leistungen, die eine Gig- und Shared-Economy ermöglichen. Oder beispielsweise die alltägliche Streamingkultur, die sich durch alle Gesellschaftsgeschichten durchgesetzt hat, wohingegen das in Deutschland eher Subkultur ist. Das liegt aber auch daran, dass sich in Deutschland Entwicklungen langsamer vollziehen, denn wieso sollte man das Bewährte ändern? Wobei sich in China seit den 80er Jahren in einer Generation 3-4 Mal Grundsätzliches geändert hat. Ich glaube, dass dies ein Mindset generiert hat, dass offener für Veränderungen ist.

GK Chengdu: …spielt dabei das Alter in der Bevölkerung für Dich eine Rolle?

Martin Breuer: Ich denke, dass das Alter in China nicht so stigmatisiert ist wie in Deutschland. Die Jungen und die Alten sind zum Beispiel über das Spring Festival lange zusammen. Als WeChat rauskam, hatten ältere Leute schneller ein Smartphone, weil sie es von ihren jüngeren Familienmitgliedern geschenkt bekommen haben. Ältere Leute werden durch die geringere Diskrepanz zwischen jüngeren und älteren Familienmitgliedern schneller integriert.  Innovationen werden von der gesamten Gesellschaft absorbiert, nicht nur von der „Generation YouTube“. Das liegt auch daran, dass die Familienstrukturen noch relativ stark sind. Die Frage ist, ob sich das auch ausläuft. In einer Konsumkultur gibt es Konsumartikel für jede Altersklasse, das führt auch dazu, dass man sich schnell voneinander abgrenzt.

Weiß, wo es lang geht - nicht nur in der Kunst- und Kryptoszene
Weiß, wo es lang geht - nicht nur in der Kunst- und Kryptoszene© Markus Heitsch

GK Chengdu: Für unsere Leserinnen und Leser, die das Berlin Haus nicht kennen, würde ich Dich bitten es kurz vorzustellen!

Martin Breuer: Das Berlin Haus haben wir 2016 aufgemacht. Was wir hier machen, ist experimentieren, deshalb hat das viel mit Berlin zu tun. Nach der Wende gab es dort Leerstand, man konnte Gebäude nutzen, ohne zu denken „ich gehe bankrott“, wenn ich keinen durchgetakteten Businessplan ohne Raum zum Experimentieren habe. Als Künstler habe ich meine besten Werke durch das Experimentieren geschaffen und in einer schnellen Konsumgesellschaft, in der Leute viel und hart arbeiten, sind Plätze, die wie ein Ventil fungieren, wichtig. Vor allem in China, denn hier hat man meistens nur eine Chance und wenn man Bankrott geht, hat man ein richtiges Problem. Von daher gibt es viele Kopien von existierenden Modellen, aber keine Außenpositionen, die zur Entwicklung beitragen. Das Berlin Haus streut das Risiko auf die verschiedenen Anteilhabenden. Die Identität vom Berlin Haus ist in gewisser Weise ambivalent, weil wir uns immer mit den Anteilhabenden verändern. Das geht auch gegen Mainstream Branding.

GK Chengdu: Hast Du einen Hinweis für Künstler, die einen Ansatz in China, vielleicht sogar in Chengdu, suchen?

Martin Breuer: Es ist schwierig, weil viel auf etablierte Kunst gesetzt wird. China fängt gerade erst an, eine Mittelklasse  zu haben, die erschwingliche Kunst sammelt. Im Moment gibt es Leute, die mal Kunst studiert haben und etablierte Künstler. Es gibt wenig dazwischen, da es auch wenige Leute gibt, die dazwischen kaufen. Aber es gibt Ansätze und viel findet inzwischen online statt, zum Beispiel Neocha sollte man sich anschauen. In Chengdu gibt es das A4 Art Museum, wir haben auch einen eigenen Kunstblog, das IPF. Jetzt geht es darum, einen öffentlichen Diskurs über Kunst zu starten. Man muss erst eine Begegnungsstätte haben und das ist für viele im Moment das Internet. Es auch gibt Kreativzonen, die sind aber nicht zwangsläufig Kunstzonen, und einige etablierte Künstler Chinas kommen aus Chengdu. Das wird in Zukunft noch mehr und der Lebensstil in Chengdu gibt einem mehr als in Peking oder Shanghai. Denn der Wettbewerb dort ist härter, der zwischenmenschliche Umgang ist nicht Kunst-affin.

GK Chengdu: Zum Schluss noch, wie trinkst Du Deinen Kaffee am liebsten?

Martin Breuer: Am liebsten schwarz, mit ein bisschen Zimt.

Martin Breuer steht auch oft selbst hinter dem Tresen
Martin Breuer steht auch oft selbst hinter dem Tresen© Markus Heitsch


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