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Die Gegenwart der Vergangenheit: „Die Zeit ist noch nicht reif“

25.04.2018 - Artikel
Copyright: Tectum Verlag, Thomas Zimmer
Copyright: Tectum Verlag, Thomas Zimmer© Tectum Verlag, Thomas Zimmer

In Deutschland hat die kritische und schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen jüngeren Vergangenheit Tradition. Klassiker der Erinnerungsliteratur wie etwa Falladas „Jeder stirbt für sich allein“, Bölls „Haus ohne Hüter“ oder „Die Unfähigkeit zu trauern“ der Mitscherlichs beleuchteten früh die Gräuel des Nationalsozialismus. Auch heute noch greifen Verlage in Deutschland dieses Thema ebenso auf wie die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte.

In China hingegen werde Erinnerungskultur staatlich gelenkt, was erinnert werden soll und, mehr noch, was bewusst vergessen werden soll. Dies erläuterte der Sinologe Professor Thomas Zimmer, als er am 25. April 2018 in der Deutschen Residenz aus einem der Erinnerungsliteratur gewidmeten Kapitel seines Buchs „Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas“ las. Einzelne Themen wie die Kulturrevolution in den 1960er/70er Jahren seien durchaus aufgearbeitet worden, doch erfolge das Erinnern meist sehr einseitig, mit China in der Opferrolle, so etwa im Gedenken an das Massaker von Nanking 1937/1938. Die staatliche Zensur beschränke dabei die Auseinandersetzung mit anderen Phasen der jüngeren chinesischen Geschichte, etwa der Hungerkatastrophe der 1950er Jahre oder „bestimmten Ereignissen im Sommer 1989“ auf und um den Tiananmen-Platz, befördere andererseits aber auch bei Schriftstellern und anderen Künstlern große Kreativität, um durch sprachliche Stilmittel wie Kodierungen und das Zwischen-den-Zeilen-Schreiben die Zensur zu umgehen.

Copyright: Generalkonsulat Shanghai
Copyright: Generalkonsulat Shanghai© Generalkonsulat Shanghai

Thomas Zimmer stellte ausführlich den Autor Yan Lianke vor, insbesondere sein mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis ausgezeichnetes Werk „Vier Bücher“, das 2017 auf Deutsch erschienen ist, dessen chinesisches Original von 2011 aber nur außerhalb der Volksrepublik China erhältlich ist. Letzteres liege vermutlich daran, dass befürchtet werde, dass die kritische Auseinandersetzung den Mythos der Befreiung von 1949 und die Legitimation der Herrschenden erschüttern könnte. Denn Yan Lianke führt als Grund für die Hungerkatastrophe der 1950er Jahre verfehlte Politik an, Naturkatastrophen seien nicht dafür verantwortlich gewesen.

Die anschließende Diskussion mit den anwesenden Sinologen, Germanisten und weiteren Interessierten aus Kultur und Wirtschaft thematisierte lebhaft und ausführlich, was es für eine Gesellschaft bedeuten könne, wenn Vergangenheit unverarbeitet bleibe, da „die Zeit noch nicht reif“ sei. Ob kultureller Fortschritt in der Sichtweise Freuds eines Schuldbewusstseins bedarf. Inwieweit die Fokussierung auf die eigene Schuld ein speziell deutsches Phänomen sei und die Besonderheiten der chinesischen Traditionen von offizieller Geschichtsschreibung einerseits und gleichzeitiger inoffizieller „Parallelgeschichten“ andererseits zu berücksichtigen seien.

Verlagsinformationen zum Buch von Thomas Zimmer:
http://www.tectum-verlag.de/erwachen-aus-dem-koma-eine-literarische-bestimmung-des-heutigen-chinas.html
Das Inhaltsverzeichnis bietet auch eine Übersicht über weitere behandelte Themen der chinesischen Gegenwartsliteratur.

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