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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Peking-Universität am 29. Oktober 2026 in Peking/China
德国联邦总统施泰因迈尔在北京大学发表演讲 © picture alliance/dpa | Katharina Kausche
Es ist mir eine große Freude und Ehre, dass Sie mich heute mit einer Ehrenprofessur auszeichnen. Ich trage diese Ehrung mit großer Demut. Die Beida ist seit Langem eine der besten und berühmtesten Universitäten Chinas. Und sie ist ein Leuchtturm der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern, zwischen Deutschland und China.
Cai Yuanpei, der große chinesische Bildungsreformer, hat seine wissenschaftliche Laufbahn in Deutschland begonnen. Nach seinem Studium bei den Größen der deutschen Sozial- und Geisteswissenschaften an der Universität Leipzig etablierte er die Ethnologie als moderne Wissenschaft in China, ebnete erstmals Frauen den Weg in Universitäten und Wissenschaft und wurde Präsident ebendieser Universität, der Beida.
Ein Dreivierteljahrhundert später, 1981, gleich zu Beginn der Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping, knüpfte die Beida eine Partnerschaft mit der Freien Universität Berlin. Heute ist dies eine der längsten und fruchtbarsten Universitätspartnerschaften unserer beiden Länder. Ich bin froh, dass der Präsident der Freien Universität Berlin mich heute nach Peking begleitet. Seien Sie herzlich willkommen, Herr Professor Günter Ziegler.
Cai Yuanpei hat eine Losung geprägt, die bis heute das Leitbild dieser Universität, ihrer Studierenden und Forschenden in Worte fasst: „Freiheit der Gedanken und Offenheit für Vielfalt.“ Halten wir uns an diesen Geist! Möge die Freiheit der Gedanken und Offenheit für Vielfalt auch weiterhin die deutsch-chinesische Freundschaft prägen – nicht nur zwischen Forschern und Studierenden, sondern zwischen unseren Völkern insgesamt.
Sehr geehrte Gäste, liebe Studierende, mein Staatsbesuch in China hat mich noch zu einer anderen historischen Figur der deutsch chinesischen Begegnungsgeschichte geführt. In Hefei habe ich die ehemalige Residenz Li Hongzhangs besucht.
Li Hongzhang war gut eine Generation älter als Cai Yuanpei und stand in engem Austausch mit Europa, mit den politischen und wirtschaftlichen Eliten jener Zeit. Zum Beispiel 1896 besuchte er Otto von Bismarck, den ehemaligen deutschen Reichskanzler, auf dessen Schloss Friedrichsruh bei Hamburg.
Li Hongzhang – aus heutiger Sicht gewiss eine umstrittene Figur – war Staatsmann in einer Zeit tiefgreifenden Umbruchs. Die alte, dynastische Ordnung ging ihrem Ende entgegen – in China und auch in meinem Land. Industrialisierung und neue Technologien versetzten Menschen und Länder in ein nie gekanntes Tempo des Fortschritts. Es ging darum, den Anschluss nicht zu verlieren – und zugleich das Eigene zu bewahren. Kommt uns das heute bekannt vor?
Li Hongzhang hat für seine Zeit Worte gefunden, die bis heute nachwirken. Er sprach von einem „Wandel wie seit dreitausend Jahren nicht mehr“. In diesem Satz liegt nicht nur die Erfahrung großer Umbrüche, sondern auch die Erkenntnis, dass die Zukunft offen geworden war. Sie war nicht länger einfach die Verlängerung von Gegenwart und Vergangenheit. Welche Kräfte sich durchsetzen und welche neue Ordnung aus dem Umbruch hervorgehen würde – all das war offen.
In meinem Land, auch das gehört zur Wahrheit jener Zeit, sollten sich mit Nationalismus, Fremdenhass und Militarismus eben jene Kräfte durchsetzen, die zwei Weltkriege heraufbeschwören würden.
Hier in China war dies eine Zeit großer innerer Spannung und äußerer Einmischung, aber auch von Erneuerung und Reformen in Bildung, Verwaltung, Wirtschaft und Militär. 1898 entstand die Kaiserliche Universität von Peking – die heutige Beida. Ihre Gründung war selbst ein Ausdruck dieses Umbruchs.
Auch Deutschland gehörte zu dem internationalen Erfahrungsraum, auf den chinesische Reformer damals blickten. Es ging nicht um die Übernahme eines ausländischen Modells, sondern darum, in Austausch und Auseinandersetzung mit dem Anderen das Eigene zu verbessern. Davon erzählt die Frühgeschichte dieser Universität. In ihrem Gründungsprogramm war von einem Zusammenwirken chinesischen und westlichen Wissens die Rede. Das Institut für Germanistik, gegründet vor über 100 Jahren, ist das älteste in ganz China. Ich bin froh, dass diese lange Tradition gegenseitiger Inspiration und Befruchtung anhält, etwa am Zentrum für Deutschlandstudien gemeinsam mit der Freien Universität und der Humboldt Universität Berlin.
Auch heute erleben wir eine Zeit tiefgreifender Umbrüche. Nicht ohne Grund spricht Ihr Präsident Xi, den ich morgen zu ausführlichen Gesprächen treffen werde, von einem „Wandel wie seit hundert Jahren nicht mehr“. Ob in der Technologie, in der Weltwirtschaft oder in den Beziehungen zwischen Staaten: Wieder ist vieles in Bewegung. Und wieder ist die Zukunft offen.
Diese Ungewissheit beunruhigt viele. Und ich gebe zu: Auch ich sehe mit Sorge auf manche Entwicklung, auch in den Beziehungen zwischen unseren Ländern. Und natürlich müssen wir darüber sprechen, was uns Sorge macht und was störend zwischen uns steht. Aber wenn wir ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückdenken, dann liegen zwischen der Zeit des Wandels damals und heute zwei entscheidende Unterschiede.
Der erste Unterschied betrifft China. China ist heute nicht mehr nur ein Land, das auf Veränderungen reagieren muss. China selbst ist die Veränderung. Es ist eine prägende Weltmacht geworden. Seine wirtschaftliche Kraft, seine technologische Leistungsfähigkeit und sein politischer Einfluss sind außerordentlich gewachsen.
Der zweite Unterschied: Damals, am Ende des 19. Jahrhunderts, hatte unsere Welt keine umfassende, auf Regeln basierende internationale Ordnung. Es gab keine Vereinten Nationen und kein allgemein anerkanntes System von Regeln und Institutionen zur friedlichen Lösung von Konflikten. Es gab keine internationale Ordnung, die Imperialismus und Kolonialismus einhegen und das Unheil zweier Weltkriege hätte verhindern können. Heute haben wir, zum Glück, eine solche Ordnung.
Oder sollte ich sagen: Noch haben wir sie? Denn die internationale Ordnung ist angefochten wie nie. Wir leben inmitten von geopolitischen Umbrüchen und Spannungen, die sich in einer Vielzahl von Krisen und Konflikten entladen. Menschen leiden zu Hunderttausenden unter Gewalt und Vertreibung. Das Völkerrecht, selbst die Mindeststandards des humanitären Völkerrechts, das die Menschheit aus der Erfahrung von Krieg und Grausamkeit in vier Jahrhunderten entwickelt hat, werden täglich gebrochen – und schlimmer noch: ihr Bruch wird immer häufiger ignoriert. Die Autorität der Vereinten Nationen und ihrer Institutionen wird absichtsvoll untergraben.
Mit anderen Worten: Eine Ordnung, die nie perfekt, aber immerhin Grundlage für internationale Zusammenarbeit war, erodiert. Es droht Regellosigkeit. Darin sehe ich eine große Gefahr für uns alle.
Man mag fragen: Formuliere ich diese Sorge nicht zu sehr aus der Perspektive meines Landes, eines im Vergleich zu China eher kleinen Landes? Betrifft meine Sorge die Großmächte nicht? Oft wird gesagt: Nur die Kleinen brauchen Regeln. Die Großen brauchen keine Regeln, denn das Recht des Stärkeren übertrifft stets die Stärke des Rechts.
Ich bin überzeugt: Wer sich auf diesen Weg begibt, gerät in gefährliches Fahrwasser. Kurzfristig mögen die Großen davon profitieren, wenn sie ohne Regeln, frei nach eigenem Interesse und ohne Rücksicht auf andere agieren können. Aber mittel- und langfristig ist das ein Trugschluss.
Natürlich, China und Deutschland sind sehr unterschiedlich an Größe, Bevölkerung und Marktmacht. Aber in einem wichtigen Punkt sind wir uns ähnlich: Unsere beiden Volkswirtschaften leben von großer Exportstärke. Und wer auf den Märkten der Welt erfolgreich sein will, braucht ein Mindestmaß an Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Und beides entsteht nur aus Regeln, die respektiert werden.
Daher bin ich überzeugt: Es liegt in sowohl in unserer Verantwortung wie auch in unserem eigenen Interesse, die regelbasierte internationale Ordnung zu schützen und zu stärken.
Darüber möchte ich heute sprechen.
Es sind insbesondere drei Aufgaben, an denen sich die internationale Ordnung heute bewähren muss. Erstens: Sicherheit. Kann sie Frieden schützen? Zweitens: Handel. Kann sie wirtschaftlichen Austausch zum gegenseitigen Vorteil ermöglichen? Und drittens: globale Güter. Kann sie uns in die Lage versetzen, gemeinsame Herausforderungen auch gemeinsam zu lösen?
Zur ersten und wichtigsten: Frieden und Sicherheit aller Völker und Nationen zu schützen. Das war die Lehre der Menschheit aus den Katastrophen der Vergangenheit. Die Charta der Vereinten Nationen, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Völkerrecht, Regeln und Foren für Konfliktlösung und Zusammenarbeit – diese Errungenschaften haben Menschen in aller Welt ersehnt und erdacht. Sie waren keine europäische oder westliche Erfindung. Sie waren Willen und Werk aller, die Imperialismus, Gewalt und Fremdbestimmung als Mittel der internationalen Politik hinter sich lassen wollten.
Dass es diese internationale Ordnung gibt, ist die größte zivilisatorische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Diese Errungenschaft zu verteidigen und in einer veränderten geopolitischen Realität zu erneuern, das ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts, eine gemeinsame Aufgabe.
Einigen kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu. Mit Größe und Macht kommt auch große Verantwortung. Insbesondere die P5 tragen im System der Vereinten Nationen eine herausgehobene Verantwortung, und mit Blick auf die vielen Konflikte – im Nahen und Mittleren Osten oder im Sudan – ist es dringend notwendig, die Dauerblockade im Sicherheitsrat zu beenden und die Funktionsfähigkeit der Schlüsselinstitution der Vereinten Nationen wieder herzustellen.
Auch auf meinem Kontinent, in Europa, herrscht Krieg. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein Angriff auf den Grundsatz der internationalen Ordnung, dass Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden dürfen und kein Staat einen anderen seiner Freiheit und Eigenständigkeit berauben darf. Die Ukrainerinnen und Ukrainer müssen selbst über ihren Weg in die Zukunft entscheiden können. Genau wie Chinesen, Deutsche und alle anderen Völker dies wollen.
Doch Russland greift mit seinem Krieg nicht nur die Ukraine an, sondern bedroht den Frieden in ganz Europa. Sie erinnern sich: Europa hat die Konfrontation mit Russland nicht gesucht. Im Gegenteil: Gerade mein Land – auch ich persönlich – hat sich über Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg um eine stabile und verlässliche Sicherheitsarchitektur mit Russland bemüht. Aber Russland hat sich für den Weg der Konfrontation entschieden. Vor wenigen Monaten ist ein Flughafen im Herzen Deutschlands mit Drohnen angegriffen worden, und die Spur der Täter führt nach Russland. Wir können das nicht akzeptieren. Europas Sicherheit ist der Kern unserer Kerninteressen.
Auch Chinas Interessen stehen hier auf dem Spiel. Als große Wirtschafts- und Handelsmacht ist Ihr Land darauf angewiesen, dass Konflikte nicht zu dauerhaften Blockaden werden. Wird die Schifffahrt durch Seewege wie das Schwarze Meer, die Straße von Hormus oder Bab al-Mandab gefährdet, sind Lieferketten, Energieversorgung und Ernährungssicherheit auf der ganzen Welt bedroht. Je länger diese Konflikte andauern, desto schwächer wird die gesamte Weltwirtschaft und damit auch eine ihrer größten Volkswirtschaften, nämlich China. China ist ständiges Mitglied des Sicherheitsrates und hat enge Beziehungen mit Russland. Lassen Sie uns also gemeinsam darauf hinwirken, dass Russland seine Angriffe einstellt und in ernsthafte Verhandlungen eintritt. Es höchste Zeit – nach fast fünf Jahren Krieg, länger als der erste Weltkrieg, nach hunderttausenden Toten, nach täglichen Angriffen auf Wärme, Infrastruktur, Wasser und Strom gerade jetzt vor dem nahenden Winter sehnen sich die Menschen nach dem Ende des Leids. Sie erwarten zu Recht, dass wir uns mit unseren unterschiedlichen Möglichkeiten, aber gemeinsam dafür einsetzen.
Die zweite wichtige Aufgabe der internationalen Ordnung ist der wirtschaftliche Austausch. Sie ist eng mit der ersten verknüpft. Denn wenn Friede herrscht und Regeln gelten, dann können die Völker miteinander wirtschaftlichen Handel treiben und großen Wohlstand schaffen.
Kaum zwei Länder können davon eine bessere Geschichte erzählen als unsere, Deutschland und China. Deutschland konnte in den vergangenen Jahrzehnten großen Wohlstand erwirtschaften, weil mein Land, nach zwei Weltkriegen, die von Deutschland ausgegangen waren, wieder in die internationale Staatenordnung und in eine zunehmend verflochtene Weltwirtschaft hineinwachsen durfte. Auch die Wiedervereinigung meines Landes war nur möglich, weil unsere Nachbarn in Europa und Partner in der Welt uns neues Vertrauen geschenkt haben. Mit der Europäischen Union wuchs in Ost und West unseres Kontinents ein riesiger, ja: der weltgrößte Binnenmarkt zusammen, in dessen Herzen die deutsche Volkswirtschaft zuhause ist.
Ich bin stolz darauf, was die Menschen in meinem Land aus dieser Chance gemacht haben. Bis heute genießen deutsche Produkte und deutsche Unternehmen einen hervorragenden Ruf in aller Welt.
China kann ebenfalls eine stolze Wirtschaftsgeschichte erzählen. Ihr Land hat seit seiner Öffnung einen wirtschaftlichen Aufstieg vollzogen, der in Geschwindigkeit und Größenordnung seinesgleichen in der Weltgeschichte sucht. Ich habe sehr großen Respekt davor. China ist heute nicht nur eine der größten, sondern auch der innovativsten Volkswirtschaften. China steht in vielen Zukunftsmärkten ganz an der Spitze. Deutschland hat diese Geschichte eng begleitet: als Handelspartner, Investor, Partner von Joint Ventures, Lieferant von Maschinen, Ausrüstung und Fahrzeugen und als Abnehmer chinesischer Waren, als wissenschaftlcher Kooperationspartner und vieles mehr.
Die Geschichte unserer Wirtschaftsbeziehungen beweist: Freier und fairer Handel nützt allen Seiten. Win-Win war lange unser Erfolgsrezept.
Und weil unsere beiden Volkswirtschaften und auch die Welt ums herum sich dynamisch verändern, müssen wir immer wieder überprüfen, ob dieses Erfolgsrezept weiterhin trägt und wo es unter Druck gerät und nachgebessert werden muss. So wie ein großes, komplexes Gebäude über die Jahre immer wieder nachgebessert werden muss, damit es strukturell solide bleibt. In diesem Zusammenhang sehe ich unsere aktuellen Gespräche über die Wirtschafts- und Handelspolitik. Hier spreche ich zugleich als deutscher Bundespräsident und als Europäer, denn als integrierter Binnenmarkt gestalten wir unsere Handelspolitik gemeinsam.
Unser Ziel als Europäer ist klar. Wir wollen keine Abkopplung von China, sondern im Gegenteil: Wir wollen den Handel so gestalten, dass er für beide Seiten weiterhin Vorteile bringt. Kurz gesagt: Aus Win-Win darf kein Win-Lose werden. Partnerschaft trägt nur, wenn beide Seiten etwas zu gewinnen haben. Deshalb suchen wir im Dialog nach Lösungen für die Bereiche, wo große Ungleichgewichte entstanden sind. Deutsche und chinesische Unternehmen finden sich in vielen, in hochtechnologischen und anspruchsvollen Märkten zunehmend als Wettbewerber, zum Beispiel im Fahrzeug- und Maschinenbau. Wettbewerb ist gut und spornt alle an – aber nur dann, wenn er auf der Grundlage von fairen und einheitlichen Regeln stattfindet. Danach suchen wir in unseren politischen Gesprächen.
Ich spreche hier bewusst von der Handels- und Wirtschaftspolitik als Teil der größeren internationalen Ordnung. Denn ich will deutlich machen: Wir Deutsche wollen nicht, dass die Welt wieder in Blöcke zerfällt. Wir wollen keine neue Blockkonfrontation. Das wäre nicht nur gefährlich für die internationale Sicherheit, sondern das wäre auch wirtschaftlich ein Verlust für alle. Es wäre die Umkehrung jener Erfolgsgeschichte, von der China und Deutschland so viele Jahrzehnte profitiert haben.
China hat in den zurückliegenden Jahren eine Wirtschaftspolitik verfolgt, deren Ziel die größtmögliche Unabhängigkeit ist. Es ist nachvollziehbar, dass China seine Wirtschaft gegen externe Schocks und negative Einflüsse schützen möchte. Natürlich. Nur darf die größere Unabhängigkeit Chinas nicht spiegelbildlich die wachsende Abhängigkeit und Verwundbarkeit anderer von China bedeuten. Wenn wir Europäer merken, dass unsere Unternehmen keinen oder nur streng kontrollierten Zugang zum chinesischen Markt erhalten, im Gegenzug aber subventionierte chinesische Exporte in großer Menge in unsere Märkte fließen, oder wenn China den Fluss wichtiger Rohstoffe und Vorprodukte kontrolliert, dann entsteht für uns die Gefahr einseitiger Verwundbarkeit. Das können wir Europäer für unsere Wirtschaft nicht wollen, so wie China es für seine Wirtschaft nicht will. Wir Europäer können nicht zulassen, dass unsere industrielle Basis in Gefahr gerät. Das versteht auch China, wo Industrialisierung der Schlüssel zu Wohlstand und politischer Stabilität war und ist. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir im Dialog Lösungen finden werden, die unsere wirtschaftlichen Verbindungen nicht abbrechen, sondern im Gegenteil: für die Zukunft belastbarer machen. Die jüngsten Gespräche zwischen EU-Kommissar Sevkovic und Minister Wang über den Hybridfahrzeug Sektor haben gezeigt, dass es Lösungen geben kann. Ich kann uns dazu nur beglückwünschen und ermutige uns beide, die Gespräche in weiteren Bereichen in genau dieser Haltung fortzuführen. Lösungen in der Konfrontation werden kaum gelingen.
Drittens möchte ich über eine weitere Aufgabe sprechen, an der sich die internationale Ordnung beweisen muss: dass sie uns in die Lage versetzt, die großen Herausforderungen, vor Weltgemeinschaft steht, auch gemeinschaftlich zu lösen.
Dazu gehört zuallererst der Schutz des Klimas und der Umwelt, damit auch unsere Kinder und Enkel noch an der Schönheit und am Reichtum unseres Planeten teilhaben können. China und Deutschland tragen hier besondere Verantwortung. Beide verfügen über technologische Fähigkeiten, industrielle Stärke und wissenschaftliche Expertise. Beide wissen aber auch: Kein Staat kann den Klimawandel allein bewältigen.
Ich bin froh, dass unsere Länder in vielen Formen und Foren an Lösungen zusammenarbeiten, und wir sollten uns auch international für mehr Zusammenarbeit zum Klima- und Umweltschutz einsetzen. Im Stadtpark von Hefei, einem der größten Stadtparks der Welt, habe ich ein Beispiel dafür gesehen, wie deutsche und chinesische Partner am Prinzip der Schwammstadt arbeiten – also daran, wie moderne Städte die kostbare Ressource Wasser aufnehmen, speichern und sinnvoll nutzen können. Außerdem habe ich ein Forschungszentrum des deutschen Volkswagen-Konzerns besucht, wo die neuesten emissionsfreien Fahrzeuge entwickelt und erprobt werden.
Unserer Wissenschaftskooperation kommt bei diesem Thema große Bedeutung zu. Gemeinsam mit den Chefs der großen deutschen und chinesischen Wissenschaftsorganisationen – Professor Patrick Cramer von der Max-Planck-Gesellschaft begrüße ich ebenfalls im Saal – habe ich heute in Peking ein Projekt besucht, bei dem weitreichende Wetterdaten erhoben und ausgewertet werden. Und noch etwas: Auch ohne Messturm und Datenanalyse kann ich spüren, wie sehr sich hier in Peking seit meinen Besuchen vor zehn oder zwanzig Jahren die Luft und das Stadtklima verbessert haben und wie leise der Stadtverkehr dank der Elektromobilität geworden ist. Auch das hängt mit moderner, nachhaltiger Planung zusammen. Ich gratuliere Ihnen zu diesen Fortschritten.
Ein zweites Beispiel, das ich nennen möchte, ist künstliche Intelligenz. Sie verändert unser Leben jeden Tag – wie wir lernen, arbeiten, mit anderen kommunizieren und unsere Freizeit verbringen. Ihr Fortschritt ist so schnell und gewaltig, dass sie die Menschheit vor eine neue Frage stellt: Wie setzen wir einer Technologie, die wir selbst hervorbringen, Grenzen, bevor sie uns Menschen Grenzen setzt?
Auch hier gilt: Weder die Chancen noch die Risiken der Künstlichen Intelligenz machen an nationalen Grenzen halt. Natürlich müssen nicht alle Staaten denselben Weg gehen im Entwickeln und Nutzen neuer Technologien. Auch China oder Europa nicht. Aber gemeinsam sollten wir internationale Leitplanken setzen – damit Technologie vom Menschen beherrschbar bleibt, und nicht umgekehrt.
Der große deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe lässt seinen „Zauberlehrling“ sagen: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Die Kräfte, die wir mit künstlicher Intelligenz entfesseln, sowohl die guten wie auch die gefährlichen, können wir nicht einfach zurückrufen. Und deshalb sollten wir diese Kräfte nutzen, ja, aber nicht unbedacht entfesseln. Auch das ist unsere Verantwortung, und ich hoffe, dass Deutschland und China auch darüber ins Gespräch kommen.
In meinen gut drei Jahrzehnten in der deutschen Politik habe ich China viele Male und an vielen verschiedenen Orten und Regionen besucht. Die Entwicklung von Land und Leuten habe ich mit großem Interesse und Respekt verfolgt. Dies ist mein letzter Besuch in politischen Ämtern, und daher war es mir ein besonderes Anliegen, an einen Ort zu fahren, den ich noch nicht kannte, der aber für Chinas Kultur und Zivilisation besondere Bedeutung hat: das Huangshan Gebirge.
Ich glaube, ich kann nicht nur für mich selbst, sondern für viele in meiner Delegation sagen: Wir waren überwältigt von der Schönheit und eigentümlichen Magie des Gebirges, das so viele Dichter, Künstler und Kalligraphen inspiriert hat. Doch es sind nicht allein Felsen und Kiefern, Nebel und Wolken, die diesen Ort besonders machen. Es sind die weiten Blicke, die sich dort oben eröffnen.
Weitsicht tut gut in dieser Zeit der Atemlosigkeit, der täglichen Erregung und Reizbarkeit. Ich hoffe, ich konnte mit meinen heutigen Ausführungen einen Blick über den Tag hinaus werfen auf die Zukunft der internationalen Ordnung und die Fragen, die uns Deutsche dabei umtreiben. Und ich hoffe, Sie haben an meinen Ausführungen gespürt: Deutschland blickt zuversichtlich auf die Zukunft einer internationalen Gemeinschaft, in der alle Akteure, gerade so mächtige wie China und Europa, ihre Verantwortung wahrnehmen.
Auf den Aufstieg Chinas sehen wir Europäer mit Wohlwollen, aber auch mit Erwartungen. Kurz gesagt: Wir haben keine Sorgen davor, dass China aufsteigt. Wir schauen darauf, wie China aufsteigt.
Bei dieser Frage haben wir einen gemeinsamen Kompass: die Werte und Regeln einer internationalen Ordnung, die allen Staaten und Völkern ihren Raum und ihr Recht auf Entfaltung gibt. Die Frieden sichert, Wohlstand fördert und gemeinsame Lösungen ermöglicht. In der der Aufstieg des einen nicht den Abstieg des anderen bedeutet. Das ist die Weitsicht, die ich mir wünsche.
Die weiten Blicke im Huangshan-Gebirge, die Begegnung von Himmel und Mensch haben übrigens nicht nur chinesisches Denken und chinesische Kunst geprägt, sondern sie haben auch viele Europäer berührt und inspiriert – und zwar seit Generationen. Ich dachte, als ich gestern auf dem Yuping-Gipfel stand, zum Beispiel an den deutschen Maler Caspar David Friedrich. An seinen 250. Geburtstag haben wir Deutsche vor kurzer Zeit mit Ausstellungen im ganzen Land erinnert. Ob jenen Caspar David Friedrich wohl, als er seinen romantischen Blick in die Landschaften des sächsischen Elbsandsteingebirges schweifen ließ, irgendwo im Hinterkopf die sogenannten Chinoiserien beeinflusst haben, das Porzellan, die Grafiken, die Textilien aus Fernost, die am sächsischen Hofe im Jahrhundert zuvor mit Leidenschaft gesammelt worden waren? Wer weiß das schon.
Jedenfalls glaube ich fest, dass sich unsere Kulturen seit Jahrhunderten auf verschlungene, oftmals stille und überraschende Weise begegnen und einander bereichern – und dass sie das auch in Zukunft können.
In einer Zeile von Nalan Xingde, einem Dichter der frühen Qing Dynastie, heißt es: „Wenn das Leben doch nur immer wäre wie beim ersten Begegnen.“ In diesem Satz liegt Melancholie. Aber ich höre darin auch den Wunsch, dass eine lange Geschichte ihre Offenheit behält. Ich wünsche mir, dass sich weiterhin viele Chinesen und Deutsche, Chinesen und Europäer begegnen werden, und dass sie das mit Neugier und Wohlwollen tun. Dass jede Begegnung etwas vom Zauber des ersten Treffens behält.
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It is a great pleasure and honour for me to be awarded an honorary professorship by you today. I am very humbled by this accolade. For many years now, Beida has been one of the best and most renowned…
Federal President Frank-Walter Steinmeier at Peking University in Beijing, China, on 29 October 2026